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18.02.2016Ländlicher Rückzugsort des Kunstmäzens Hugo Simon

Termin: Mittwoch, 24. Februar
Zeit: ab 19:00 Uhr
Ort: Jahresempfang des Landkreises Märkisch-Oderland; Kulturhaus "Erich Weinert", Erich-Weinert-Straße 13, 15306 Seelow

Seelow - Im kommenden Jahr soll das Seelower Schweizerhaus als Kultur- und Begegnungsstätte eröffnen. Eine wichtige Etappe dorthin ist der Förderbescheid in Höhe von rund 803.400 Euro aus EU- und Landesmitteln, den Brandenburgs Agrar- und Umweltminister Jörg Vogelsänger am kommenden Mittwoch (24. Februar) im Rahmen des Neujahrsempfangs des Landkreises Märkisch an Mitglieder des Heimatvereins „Schweizerhaus Seelow e.V.“ übergeben wird. Das Geld wird aus dem LEADER-Programm, dem Programm für die ländliche Entwicklung, zu Verfügung gestellt. Mit den Eigenmitteln der Antragsteller müssen für die denkmalgerechte Sanierung und den Umbau des Schweizerhauses rund 1,3 Millionen Euro aufgewendet werden. Das ehemalige Ausflugslokal Schweizerhaus in Seelow war Anfang der Zwanzigerjahre von dem Bankier und Kunstmäzen Hugo Simon zu einem landwirtschaftlichen Mustergut umgestaltet worden.

Erbe der Weimarer Republik: Goethehaus in Seelow

Hugo Simon wurde in Usch bei Schneidemühl (Kreis Kolmar/Posen) am 1. September 1880 geboren. Nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung besuchte er eine höhere Schule. Danach absolvierte er eine Banklehre in Hessen. 1916 war Hugo Simon Gründungsmitglied der pazifistischen Vereinigung Bund Neues Vaterland. Gleichzeitig war er als Soldat in Crossen an der Oder stationiert. Nach Kriegsende wurde Hugo Simon als Mitglied der USPD gemeinsam mit Albert Südekum für kurze Zeit erster Finanzminister in Preußen. Diese Phase seines Lebens wird von Alfred Döblin im Roman „November 1918“ ausführlich dargestellt.

Als engagierter Kunstmäzen nahm er als Mitglied der Ankaufkommission Einfluss auf die Erwerbspolitik der Berliner Nationalgalerie. Er war Aufsichtsratsmitglied im S. Fischer Verlag und im Ullstein Verlag. Als Privatbankier führte er die Finanzgeschäfte des Kunsthändlers und Verlegers Paul Cassirer und kümmerte sich auch um die Finanzen der SPD.

1919 kaufte Hugo Simon das Schweizerhaus in Seelow. Er errichtete hier ein landwirtschaftliches Mustergut für Vieh- und Geflügelzucht sowie für den Obst- und Gemüseanbau. 1923 ließ er auf dem Gelände durch den Architekten Ernst Rossius-Rhyn das Gartenhaus, ein Nachbau des Weimarer Goethe-Gartenhauses, errichten. Zum Personenkreis, die Simon auf seinen Landsitz ins Oderbruch lockte, gehörten fast alle, die im Berlin der Goldenen Zwanziger Rang und Namen hatten – die Schriftsteller Bertolt Brecht, Erich Maria Remarque, Alfred Döblin, Arnold Zweig, Heinrich Mann, Stefan Zweig, Carl Zuckmayer, die bildenden Künstler Max Pechstein, Oskar Kokoschka, George Grosz, die Schauspielerin Tilla Durieux, die Verleger Samuel Fischer, Ernst Rowohl und die Ullstein-Brüder, zahlreiche Politiker, darunter der sozialdemokratische Ministerpräsident Preußens - Otto Braun.

Simon war Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und arbeitete mit Prof. Erwin Baur, dem Direktor des von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft betriebenen Instituts für Züchtungsforschung Müncheberg, zusammen. Anfang 1933 musste Hugo Simon fliehen, um einer Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen. 1934 gründete er in Paris eine neue Privatbank und unterstützte die Demokratische Flüchtlingshilfe. Er finanzierte darüber hinaus das deutschsprachige Pariser Tageblatt (später Pariser Tageszeitung), die Zeitung für das deutsche Exil. Kurz bevor Paris und große Teilen Frankreichs durch die Wehrmacht besetzt wurden, gelang den Simons im Juni 1940 die Flucht nach Marseille. Mit tschechischen Pässen konnten sie im Februar 1941 über Spanien und Portugal nach Brasilien ausreisen. Hugo Simon starb am 1. Juli 1950 in São Paulo.

Volkseigentum wieder beim Volk

Das Schweizerhaus wurde 1936 durch das Staatliche Versuchsgut Landsberg/Warthe als Außenstelle übernommen. 1950 zog die Vereinigung Volkseigener Betriebe ein. Das Gut wurde fortan als VEB Gartenbau betrieben. Das Schweizerhaus war Verwaltungssitz und Lehrlingswohnheim. 1990 stellte die Erbengemeinschaft Simon den Antrag auf Rückübertragung des gesamten Areals. 2010 erwarb die Stadt Seelow das seit 2000 unter Denkmalschutz gestellte Gelände und verpachtete es langfristig an den Heimatverein „Schweizerhaus Seelow e.V.“ Seitdem bemühen sich die derzeit 40 Mitglieder des Vereins um die Rettung und Sanierung des Areals. Durch Vereinsarbeit wurden bereits seit 2011 mehrere Baumaßnahmen ermöglicht, zum Beispiel die denkmalgerechte Dachsanierung, Arbeiten am Goethehaus und am Trafohaus, die gärtnerische Gestaltung des Areals.

Ganz im Sinne von Hugo Simon soll das Schweizerhaus wieder Kultur-, Bildungs- und Begegnungsstätte werden. Aufgrund der Nähe zur Gedenkstätte Seelower Höhen und zum Fernwanderweg E 11 wird das Schweizerhaus auch zum touristischen Anziehungspunkt. So ist der Verein seit 2012 auch Mitglied in der Tourist-Information „Oderbruch und Lebuser Land“ e.V. und in einem Netzwerk der Museen im Oderland eingebunden. Über dieses Netzwerk sind bereits gemeinsame Angebote, zum Beispiel zum Tag des offenen Denkmals, gestartet worden.

Mit dem nun zu Verfügung gestellten LEADER-Mitteln können bis 2017 die Arbeiten an den Außenwänden einschließlich der Fenster, der Innenausbau mit Strom, Wasser und Heizung sowie Teile der Außenanlagen realisiert werden.

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MLUL, Referat MB 2
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Dr. Jens-Uwe Schade
Pressesprecher
Tel.: 0331/ 866 -7016
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